Schauspiel: Extrem laut und unglaublich nah

Extrem laut und unglaublich nah. Der Roman von Jonathan Safran Foer ist mein zweit-liebstes Lieblingsbuch. Und ja, natürlich weiß ich: Man kann einen Roman nicht mit einem Theaterstück vergleichen – Äpfel, Birnen, ist klar. Trotzdem: Ich war äußerst gespannt, wie das Schauspiel Hannover die Geschichte inszenieren würde. 

In der ersten Hälfte sitzt das Publikum auf der Bühne statt wie gewohnt im Zuschauerraum. Es ist ein ganz anderes Seh-Erlebnis, nah dran, direkt, mitten drin. Die Schauspieler performen neben, über und mitten im Publikum, man dreht sich einfach auf den Stühlen mit.

 

Oskar allein in New York

Im Mittelpunkt steht Oskar Schell, ein schräger Junge, den man wie im Roman aber irgendwie mögen muss. Er hat seinen Vater am 11. September verloren, beim Anschlag auf das World Trade Center. Daniel Nerlich spielt den Jungen großartig, traumatisiert, verstört. Oskar findet einen Schlüssel, macht sich in ganz New York auf die Suche nach dem passenden Schloss und natürlich begegnen ihm die verschiedensten New Yorker, eben unterschiedliche Menschen, wie es typisch ist für die wunderbare Stadt. Klar, seine Suche ist vielmehr die nach Erklärung, nach Hoffnung, nach der Erinnerung an den Vater.

Ein echtes Theater-Erlebnis

Das Stück kommt mit wenig aus, umso eindringlicher wirkt es, wenn der stumme alte Mann (der Mieter!) mit Kreide an die Wand schreibt und seine Geschichte erzählt: Ebenen überlappen, parallel erfahren wir die Geschichte der Großeltern, ebenfalls geprägt durch ein Trauma, den Bombenangriff auf Dresden. Am Ende des ersten Teils senkt sich plötzlich die Bühne, man spürt richtig, wie begeistert das Publikum ist von der Art der Inszenierung, die den Schrecken erlebbar macht.

 

Nach der Pause nehmen wir wie gewohnt im Zuschauerraum Platz, es ist schon ganz schön spät geworden, die erste Hälfte dauerte knapp zwei Stunden. Nun wird die Geschichte zu Ende erzählt, sanft, ruhig, ergreifend. Die weißen Stühle, auf denen wir eben noch saßen, sind nun aufgereiht wie Gräber. Eine reduzierte Projektion visualisiert immer und immer wieder das Fallen vom Wolkenkratzer. Dann ist das Stück plötzlich vorbei. Am Ende geht es wirklich ein bisschen schnell, aber es wäre schwer, dieses intensive Erleben der ersten Hälfte zu toppen. Insgesamt geht ein wunderbarer Theaterabend zu Ende, traurig-schön und unglaublich nah.

Neugierig? Hier war ich schonmal Hinter den Kulissen im Schauspiel Hannover.

Ich freue mich sehr, dass das Schauspiel Hannover mir eine Freikarte zur Verfügung gestellt hat. Trotzdem ist der Blogpost genau so ehrlich wie sonst.

EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH

Regie Mina Salehpour // Dramaturgie Lars-Ole Walburg // Mit Beatrice Frey, Katja Gaudard, Daniel Nerlich, Thomas Neumann// Live-Musik Sandro Tajouri, Tom Schneider

Fotos: Schauspiel Hannover // Katrin Ribbe

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